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Rolf Sch�like


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Rolf Sch�like - Zeitzeuge

Ost und West - Rolf Sch�like August 1985

Krater und Wolke Nr. 6
Michael Werner in K�ln, 1990
Herausgeber: Ralf Winkler alias Penck

"Sie k�nnen uns doch mit den Staatssicherheitsoffizieren vergleichen. Sind wir besser?", fragte mich einer der beiden jungen Offiziere im bescheiden eingerichteten Zimmer des Verfassungsschutzes in Gie�en.

Drei verschlossene T�ren trennten mich vom offenen Treppenhaus. �D�mliche Frage�, ging es mir durch den Kopf. Ich war zehneinhalb Monate in der Dresdener Untersuchungshaft der Staatssicherheit isoliert und von Stasioffizieren in Gewahrsam genommen worden. Drei verschlossene und bewachte T�ren und ein Tor trennten mich von der Bautzener Stra�e. Ein windiger Hauptmann und ein denkstarrer Oberleutnant bem�hten sich sechs Monate lang darum, Material zusammen zu zimmern, das ausreichen sollte, mich f�r Jahre hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Stasioffiziere sa�en mir in Dresden als meine direkten Feinde gegen�ber. Es gab f�r sie nichts Entlastendes in meiner Sache, Bedenken wurden von ihnen beiseite geschoben, vergessen oder verdreht, ins Gegenteil verwandelt. Diskussionen �ber Grundsatzfragen f�hrten wir nicht, die Stasioffiziere durften nicht diskutieren und weshalb sollte ich diskutieren. �Sie sind beschuldigt, Verbrechen gegen die Deutsche Demokratische Republik begangen zu haben. Das werden wir ihnen beweisen. Wir werden siegen, auch wenn sie uns bei der Aufkl�rung ihrer Verbrechen nicht unterst�tzen�, denn ich lehnte es ab, mit diesen niveau- und charakterlosen Stasioffizieren etwas kl�ren zu wollen.

Die Beamten des Verfassungsschutzes sa�en mir am 11. Februar 1985 nicht als meine direkten Feinde gegen�ber. �Sie sind auch ohne Abschluss des Aufnahmeverfahrens B�rger der Bundesrepublik und genie�en alle verfassungsm��igen Rechte. Die Befragung verpflichtet sie nicht zu Antworten. Sie k�nnen ohne Nachteile f�r sich, die Beantwortung unserer Fragen ablehnen�, wurde mir von ihnen erl�utert. Ich bin nicht das Gef�hl losgeworden, da� die Verfassungsschutzbeamten verunsichert waren. Der j�ngere von ihnen wurde mehrmals rot, wenn ich zu direkt diskutierte und den Beamten widersprach. Aber auch mein Hauptvernehmer in Dresden, Siegfried, wie ich ihn getauft hatte, denn er nannte mir seinen Namen nicht, wurde oft bla�, peinliche Schwei�tropfen und Denkfalten zierten jedesmal sehr bald nach dem Beginn der �Vernehmung�, d.h. nach seinen Selbstgespr�chen, die Stirn dieses schm�chtigen erfahrenen Stasioffiziers.

Rolf Sch�like im Kaukasus - ein IM ist auch dabei.

Der Effektenheini, wie wir den eleganten Effektenhauptmann in der U-Haft nannten, der witzig und redegewandt die Fingerabdr�cke und die Aufnahmen machte, wurde rot vor Scham, als ihm meine Frau bei einem W�schetausch sagte: "Ich finde sie eigentlich nett und sympathisch und mache mir deswegen Gedanken, wie man zu solch einer Arbeit bereit sein kann." Schwindeln taten die Stasioffiziere wie am laufenden Band, ich m�chte sogar behaupten, da� das Schwindeln ein Unterrichtsfach bei ihrer Ausbildung zu Vernehmern ist, auch f�r diejenigen, die das hemmungslose Schwindeln von ihrer Kinderstube her in das Erwachsenenleben mitgebracht haben. In Gie�en wollte ich nicht vom Ami befragt werden. "Ami? Wie kommen sie darauf? Der befragt sie nicht. Der befragt niemanden", antwortete mit einer naiven Miene der Verfassungsschutzbeamte auf meine entsprechende Frage. Das war auch geschwindelt. Ich wurde vom Ami nicht befragt, das stimmte allerdings, aber ich kann heute dutzende Bekannte und Freunde nennen, die vor mir und nach mir in Gie�en vom Ami befragt wurden.

Die Stasi f�hlten wir in Dresden hautnah, meine Frau wurde sogar von ihren �Bekannten� im Zug bis nach Gie�en begleitet. �In Gie�en stiegen sie aus dem Nachbarabteil aus. Es waren die gleichen, die mich in Dresden bei den Eink�ufen im Konsum, auf der Stra�e verfolgten, ich kannte sie schon recht gut�, erz�hlte sie mir in Hamburg. Die Spur zur Quelle f�r die vielen sichtbaren und unsichtbaren Hindernisse, die mir in meinem privaten, beruflichen und politischen Leben in der DDR aufgebaut wurden, f�hrte zu oft zur Staatssicherheit. "Hat denn ihr Mann nicht gemerkt, woher die Schwierigkeiten kamen?", erl�uterte mein Hauptvernehmer meiner Frau. "Die vielen helfenden Hinweise nahm der Angeklagte Rolf Sch�like nicht zur Kenntnis", so etwa stand es in der Begr�ndung f�r die 7 Jahre Haft, die mir das Bezirksgericht mit dem Richter Hettmann und seinen Sch�ffen, Meister G�tz und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Enzmann verpa�te.

Der Verfassungsschutz ist unsichtbar. Das versicherten mir meine Freunde in Hamburg, K�ln und Berlin, und ich mu� es bis heute best�tigen. �Da ist ja eure Stasi besser!�, wurde diese Tatsache kommentiert. Ich wei� es nicht.

�Minuspunkte haben sie bei mir auch schon�, konnte ich in Gie�en den Beamten sagen. �Welche?� �Sie nennen mir auch nicht ihre Namen.� Die Begr�ndung der Beamten fiel fad aus. �Fr�her haben wir unsere Namen genannt. Dann kamen Leute her�ber und kannten schon unsere Namen. Seitdem nennen wir unsere Namen nicht mehr.� Ich glaube nicht, da� die Verfassungsschutzbeamten sich jemals in Gie�en mit ihren Namen vorstellten. Bestimmt bin ich in diesem Fall beschwindelt worden. Sind sie nun gleich?

Von Dresden bin ich direkt aus der Untersuchungshaft an die Grenze zur �bergabe gefahren worden. Ein korpulenter Oberstleutnant des Ministeriums f�r Staatssicherheit aus Berlin und ein Feldwebel, beide in Zivil, begleiteten mich. An der Grenze bei Wartha stieg ich in einem auszementierten und vermauerten Hof der DDR-Grenztruppe Punkt 15.00 Uhr in das silbergr�ne Privatauto des Busfahrers vom Aufnahmelager Gie�en um. Nach der Registrierung an der Grenze beim Bundesgrenzschutz stieg seine sympathische Frau hinzu. Den Berliner Oberstleutnant m��te ich jetzt mit dem Busfahrer von Gie�en vergleichen und seine Frau mit ... ja, mit wem? Der Busfahrer hatte wie der Oberstleutnant den Auftrag, mich an den Zielort zu fahren und dort zu �bergeben, aber der Oberstleutnant fuhr den Wagen nicht selber. Am Steuer des dunkelblauen Lada sa� der Feldwebel. Ich m��te also den Oberstleutnant mit der Frau des Busfahrers vergleichen, aber sie fuhr nun wiederum privat mit ... Ja, aber in wessen Auftrag fuhr eigentlich der Oberstleutnant? Beide fuhren sie jedenfalls nicht auf eigene Rechnung. Beide sprachen sie mit mir. Die Frau gab mir freundlicherweise die Bildzeitung zu lesen, eine Zeitung nicht nach meinem Geschmack, aber es war lieb von ihr gemeint. Der Oberstleutnant gebot: �Schauen sie sich die Gegend noch einmal richtig an. Sie werden diese nie wieder sehen d�rfen. F�r sie ist die DDR f�r immer gesperrt. Sie d�rfen nur den Sondertransit nach Westberlin nutzen.� Das waren weniger freundliche Worte und auch nicht nach meinem Geschmack. Der Busfahrer gab freundliche Erl�uterungen zur Umgebung, ich konnte keine frappierenden Unterschiede zur DDR erkennen. �Hier wird ja auch alles nur mit Wasser gekocht�, waren meine Gedanken. Der Stasioffizier drohte: �Und vergessen sie nicht, die Macht der Staatssicherheit h�rt nicht an der Grenze zur BRD auf.� Der Feldwebel durfte mit mir nicht sprechen, er teilte nur seine Schnitten und �pfel mit dem Oberstleutnant.

An der Grenze begr��ten sich diese mit dem Busfahrer wie alte Freunde. Nach dem Namen des Oberstleutnants befragt, sagte mir der Busfahrer: �Sie m�ssen verstehen, da� ich ihnen diesen nicht sagen kann.� Die Frau habe ich erst gar nicht nach dem Namen gefragt. Wen soll ich nun mit wem vergleichen? Die Frau schnitt bei mir jedenfalls besser ab als der Oberstleutnant des MfS. Und nun wollten die Gie�ener Offiziere mit den Stasioffizieren verglichen werden. Denken diese auch, sie haben eine gro�e Macht? Der arme Berliner Oberstleutnant war wahrscheinlich schlecht unterrichtet. Die Macht der Staatssicherheit h�rte schon immer f�r mich bei der Stasi selbst auf. Sie konnte st�ren, aber erpre�bar und bedrohbar war ich nie, auch nicht in der Haft. Drau�en wurde die Stasi weitgehend negiert und als nicht existent behandelt. Nat�rlich war die Stasi gegenw�rtig. Als ich schon in Gie�en war, wurde meine Frau bedr�ngt und bedroht. Sie h�tte gro�en Einflu� auf mich und solle mich dazu bewegen, in der Bundesrepublik ruhig zu bleiben, der Presse und den anderen �ffentlichen Medien gegen�ber sollte ich mich verweigern.

Nach dem 11. Februar sollte sie sich mit mir sofort in Verbindung setzen, denn in der "Frankfurter Allgemeinen" und in "die tageszeitung" war doch einiges erschienen. Ohne da� meine Frau die Telefonnummer vom Aufnahmelager Gie�en kannte, war die Verbindung in der ansonsten oft l�nger als 12 Stunden dauernden Verbindungsaufnahme durch das Fernamt sofort geschaffen worden. Meine Frau war nach der Anmeldung noch nicht mal bis zum Wohnzimmer gekommen, als es klingelte. Ich war aber nicht mehr in Gie�en. Bald klingelte das Telefon erneut: "Ihre Anmeldung Hamburg. Der Empf�nger nimmt das Gespr�ch nicht an." Meine Frau hatte Hamburg nicht angemeldet gehabt. So sehr war die Stasi daran interessiert, meine Frau mit mir sprechen zu lassen.

Rolf Sch�like auf dem Elbrus, dem h�chsten Berg Europas
 Wir kamen von der Nordseite.

Der Leiter des Aufnahmelagers in Gie�en wartete am Freitag noch nach Feierabend auf meine Ankunft. In seinem B�ro begann er vorsichtig, mit mir zu sprechen und wu�te nicht so richtig, wie er mir die Bitte der Bundesregierung beibringen sollte. Ich half ihm: �Falls sie mich bitten wollen, da� ich mich nicht �ffentlich �u�ern soll, dann brauchen sie mit keinen Schwierigkeiten zu rechnen. Das entspricht auch meinem Anliegen. Ich habe nicht die Absicht, mich �ffentlich zu �u�ern, solange ich mich nicht in diesem f�r mich neuen Land umgesehen habe. Ich bitte sie nur darum, mir die direkte Absage gegen�ber den Journalisten zu ersparen. "Kein Problem. In das Lager kommt so und so niemand ohne eine Erlaubnis rein. Ich werde dem Pf�rtner sagen, da� er die Journalisten abweisen m�chte. Sie sind eben nicht zu sprechen." Die Interessen der DDR-Regierung entsprachen in diesem Falle denen der Bundesdeutschen Regierung. In Dresden wurden diese meiner Frau von der Staatssicherheit �bermittelt, in Gie�en mir durch den Leiter des Aufnahmelagers. Wen soll ich diesmal mit wem vergleichen?

Ich passe.

Rolf Sch�like
Hamburg, August 1985

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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 25.05.04
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